1. Warum sollte man die Sprache des Ziellandes, in dem Fall Deutschlands, gut beherrschen?

Sprache ist ein Schlüssel zum Erfolg: Je besser wir die Sprache des Umfelds beherrschen, desto bessere Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen wir:

  • Gute Chancen eine Arbeit zu finden, die unseren beruflichen Qualifikationen entspricht. Im materiellen Sinne sichert uns das den Lebensunterhalt, in der geistig-mentalen Sphäre gibt es uns das Gefühl, ein zufriedenes und erfülltes Leben zu führen, was uns vor Burnout schützt und das Risiko einer Depression mindert.
  • Sicherheit im Umgang mit Formalitäten, die mit Anmeldung, Existenzgründung oder Beantragung der finanziellen Unterstützung zusammenhängen.
  • Bessere Chancen, Bildungsangebote und Karriereentwicklungsprogramme für Migrant*Innen bewusst zu nutzen, was häufig keine Kosten nach sich zieht.
  • Sicherung der entsprechenden Kinderbetreuung im Kindergarten und in der Schule. Die Sprachkenntnisse ermöglichen den Eltern, gute Kontakte mit den Kindererziehern*Innen und Lehrer*Innen zu knüpfen.
  • Bilinguale und bikulturelle Kindererziehung. Akzeptanz für die Kultur des sozialen Umfelds, ohne dass sie unreflektiert übernommen wird, ist ein wichtiger Aspekt der Kindersozialisation, des Aufbaus ihres Sicherheitsgefühls und der Zugehörigkeit zur Gesellschaft.
  • Gesellschaftliche Partizipation in vielerlei Hinsicht. Die Beherrschung der Umgebungssprache erweitert die Möglichkeiten für das soziale Engagement. Sie ermöglicht die Arbeit an Projekten und die Beantragung von Fördermitteln für die Aktivitäten einer Community – z.B. polnischer oder internationaler. Wertvolle soziokulturelle Aktivitäten für die anderen zu schaffen, ist dann ein wichtiger Aspekt der Integration.
  • Die Beherrschung der Sprache gibt uns die Chance, die sozialen und beruflichen Kontakte zu erweitern und sie attraktiv zu gestalten. Sie ermöglicht uns – um es soziologisch auszudrücken – unser „eigenes Dorf“ aufzubauen: Ein Netzwerk, das uns soziale und berufliche Interaktionen unter Migrationsbedingungen ermöglicht. Kontakte zu anderen Menschen, auch außerhalb der eigenen Diaspora, sind ein wichtiger Aspekt des Verwurzelungsprozesses im neuen Umfeld. Dadurch wird das Risiko geringer, einen Migrationsschock zu erleben.

2.Wie kann man effektiv eine Fremdsprache lernen?

Es gibt dazu viele Methoden und sie hängen von individuellen Präferenzen ab.

  • In der Regel ist es am sinnvollsten, sich für einen konkreten Sprachkurs zu entscheiden. Es gibt viele private Schulen, die ein breites Angebot haben. Man kann auch das außerordentliche Angebot der deutschen Universitäten nutzen. Jede(r) darf sich als Gasthörer*In für einen Sprachkurs an einer Universität einschreiben. Er/sie entrichtet die gleiche Gebühr wie Student*Innen und kann damit den bezahlten Kurs besuchen und die Prüfung ablegen. Eine hohe Qualität der Kurse wird von der Universität garantiert.
  • Eine hervorragende Methode die Sprachkompetenzen zu erweitern, ist es, Presse und Bücher in der Fremdsprache zu lesen, Radio zu hören oder fernzusehen.
  • Empfehlenswert sind auch diverse Sprachspiele und Apps, die dabei helfen, die erworbenen Sprachkenntnisse auf eine interaktive Art und Weise zu überprüfen.
  • Um Sprachbarrieren zu überwinden, sollte man jede Situation nutzen, in der wir mit Muttersprachler*Innen ins Gespräch kommen können. Man muss auch versuchen, eigene Angelegenheiten eigenständig zu erledigen, etwa in Geschäften, auf dem Markt, im Buchladen, auf der Post oder beim Amt.

3. Wie soll man ein Gespräch in einer mehrsprachigen Runde führen?

Berlin ist eine multikulturelle und multiethnische Stadt. Es werden hier sogar über 100 Sprachen gesprochen! Eine davon ist Polnisch. Häufig haben wir im privaten und beruflichen Leben mit einer Sprachmischung zu tun. Wie soll man reagieren, wenn jemand kein Englisch oder Deutsch kann? Sollen wir es sein lassen oder sind wir dafür mitverantwortlich, diese Person ins Gespräch einzubeziehen?

  • Ein Gespräch ist dann gelungen, wenn alle Gesprächspartner*Innen die Möglichkeit haben, sich zu äußern und verstanden zu werden. Deswegen erfordern solche Situationen eine Sprachsensibilität und ein taktvolles Verhalten. Es soll uns wichtig sein, dass sich niemand ausgeschlossen fühlt. Wenn ein(e) Gesprächspartner*In kein Deutsch, dafür aber Englisch spricht, können wir versuchen umzuschalten oder dieser Person mindestens ermöglichen, sich in dieser Sprache zu äußern.
  • Wenn eine Person keine von den beiden Sprachen beherrscht, versuchen wir jemanden zu finden, der die Rolle des Sprachmittlers übernehmen könnte. In sehr wichtigen Situationen ist natürlich notwendig, eine(n) Dolmetscher*In heranzuziehen. Wenn auch diese Option nicht in Frage kommt, bleibt nur die nonverbale, paradoxerweise die „übliche” zwischenmenschliche Kommunikation, übrig.
  • Ein sehr wichtiger Aspekt der Kommunikation, deren Ziel es ist, einen Kontakt zu knüpfen oder zu vertiefen, ist die Schaffung eines Kommunikationsraums für alle Beteiligten. Auf diese Art und Weise zeigen wir unseren Respekt gegenüber den Gesprächspartnern*Innen. Bei Ausschluss und Diskriminierung aufgrund der Sprache sind die Folgen in der Regel sehr negativ.
  • Wenn eine Person in der Gruppe unsere Herkunftssprache nicht beherrscht, alle anderen aber die Sprache des sozialen Umfelds sprechen, sollte man in diese umschalten. Es muss nicht heißen, dass man auf die eigene Sprache komplett verzichtet. Es geht aber darum, die andere Seite wahrzunehmen und sie ins Gespräch einzubeziehen, was nicht unbedingt die Dominanz einer der Sprachen bedeuten muss.

4. Wie soll man Kinder zwei- oder mehrsprachig erziehen?

Das Leben im Exil konfrontiert uns mit dem Erfordernis, die Kinder zweisprachig und bikulturell zu erziehen. Trotz allen Anscheins ist das keine einfache Aufgabe. Da die Sprache des Umfelds in kommunikativen Situationen dominiert und die Kinder sich ständig in solchen befinden, wird sie zur stärkeren Sprache. Die Herkunftssprache dagegen ist im Leben der Kinder zwangsläufig weniger präsent.

  • Situationen, in denen die Kinder die Sprache der Eltern erleben, sind weit seltener als die Kommunikation in der Sprache des Umfelds. Diese einfache Wahrheit muss man sich vor Augen führen und an die Auswirkungen denken. Wenn man im Ausland lebt, reicht es nicht aus, mit den Kindern eigene Herkunftssprache zu sprechen, damit sie diese im Alltag benutzen. Die Sprachvermittlung muss ein durchdachter Prozess sein, der auf diverse Sprachaktivitäten ausgerichtet ist, um die Sprachentwicklung der Kinder zu stimulieren. Aus diesem Grund ist die zweisprachige Kindererziehung eine so große Herausforderung im Alltag der Migrant*Innen. Welche Fragen soll man sich stellen und welche Schritte gehen, damit sie am Ende zum Erfolg führen?
  • Warum soll man mit Kindern die eigene Herkunftssprache sprechen? Eines der wichtigsten Argumente ist, dass dies unsere Herzenssprache ist. In dieser Sprache bringen wir am besten unsere Gefühle zum Ausdruck und benennen unsere Emotionen. In dieser Sprache sind wir authentischer – und das ist eine Basis für die Gestaltung einer vertrauensvollen Beziehung zu den Kindern. Die eigene Herkunftssprache können wir am besten und wir sind in der Lage, sie den Kindern in korrekter Form beizubringen.
  • Was schenkt man den Kindern mit der Herkunftssprache? Wir schenken ihnen einen besonderen Schatz! Das ist ein Schlüssel zu unseren Erlebnissen, unserer Biographie und zur Geschichte unserer Familie. Auf diese Weise verwurzeln wir die Kinder in einem breiten sozialen Kontext. Die Kinder haben nicht das Gefühl, sie würden keine Herkunft haben. Wir geben die Sprache auf eine natürliche Art und Weise weiter, nicht als Schulunterricht, sondern durch eine alltägliche aktive Kommunikation. Dadurch ermöglichen wir den Kindern, Kontakte mit der Familie aufrechtzuerhalten, die in einem anderen Land wohnt. Wir führen sie in die multikulturelle Welt ein und schaffen die Möglichkeit, sich in beiden Kulturräumen zurechtzufinden. Wir entwickeln ihre Akzeptanz für die anderen Menschen und ihre Kommunikationsfähigkeiten.
  • Wie kann man die Sprachentwicklung der Kinder fördern? Extrem wichtig ist es, die Herkunftssprache mit den Kindern konsequent zu sprechen, sogar in den Situationen, wenn uns Personen begleiten, die unsere Sprache nicht sprechen. Es ist empfehlenswert, sie direkt anzusprechen und zu erklären, dass unsere Kommunikation mit den Kindern in unserer Herkunftssprache stattfindet und das für uns eine erzieherische Priorität hat. Um diese Person in den Gesprächskontext einzubeziehen, reicht es aus, die Gesprächsinhalte in der Sprache des Umfelds zusammenzufassen. Die Anwesenheit von Dritten soll aber kein Grund dafür sein, auf die Herkunftssprache im Gespräch mit den Kindern zu verzichten. Auch auf dem Spielplatz gibt es keine Notwendigkeit, mit den Kindern in der Sprache des Umfelds zu kommunizieren. Es ist allerdings wichtig, die Kontakte mit anderen Kindern in ihrer Sprache zu knüpfen, damit unser Kind von den Gleichaltrigen nicht ausgeschlossen wird.

Man sollte zwei Sprachen nicht vermischen. In solchen Fällen haben die Kinder geringere Chancen zu unterscheiden, welche Worte zu welcher Sprache gehören. Die Konsequenz davon kann die Vermischung der Sprachen durch Kinder und die sog. doppelte Halbzweisprachigkeit sein.

Wichtig für die Entwicklung der Sprachkompetenzen der Kinder sind häufige Gespräche, die Alltagsnarration bzw. das Erzählen von den üblichen häuslichen Tätigkeiten und das Vorlesen von Büchern, die das Interesse der Kinder wecken. Förderlich ist es ebenfalls, wenn Kinder die Märchen nach- oder weitererzählen und sich das Ende der erzählten Geschichten selbst ausdenken.

Sehr wichtig ist eine positive Einstellung zu Sprache, Kultur und Land, die den Kindern vermittelt wird. Dies soll auch von dem aus einem anderen Land stammenden Elternteil unterstützt werden. Vielfältige und attraktive Impulse, die mit der Sprache verbunden sind, haben einen wesentlichen Einfluss auf die Bereitschaft der Kinder, in der Sprache zu kommunizieren. Aus diesem Grund sollte man eine direkte und scharfe Kritik ihrer Sprachfehler vermeiden. Die beste Methode die Kinder zu korrigieren, ist es, die richtige Version des Satzes zu wiederholen, damit sie die Möglichkeit bekommen, sie sich zu merken.

Autorin: Dr. Anna Mróz

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