Wie kann man Depression erkennen?

Der Begriff Depression wird öfters dazu benutzt, um Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Trübsinn oder Melancholie zu beschreiben. Dennoch ist Depression eine schwere Erkrankung, die immer häufiger von Spezialisten diagnostiziert wird und oft kommt es zur eigentlichen Diagnose zu spät. Gemäß den statistischen Daten kommen ca. 84% der Personen zum entsprechenden Spezialisten (Facharzt für Psychiatrie bzw. Psychotherapeut), nachdem sie vorher ca. ein halbes Jahr allein mit den Beschwerden klar zu kommen versuchten. Welche Symptome bei uns oder bei unseren Angehörigen sollten uns beunruhigen?

Es gibt viele Unterschiede zwischen einem gewöhnlichen Trübsinn und einer behandlungsbedürftigen Depression. Traurigkeit und Bedrücktheit sind natürliche Zustände, die bei jedem Menschen als Reaktion auf ein Verlust oder Unzufriedenheit in einem Lebensbereich auftreten. Depression jedoch ist ein Krankheitszustand, der uns psychisch und physisch berührt, (Schlafprobleme, Essprobleme, Erschöpfung) und unser Innenleben und soziale Kontakte behindert. Gutes Unterscheidungsmerkmal ist auch die Dauer des verschlechterten Gemütszustandes. Normaler Trübsinn, Traurigkeit dauern von mehreren Stunden bis maximal einigen Tagen, Depression dagegen dauert länger.

Für den Umgang mit einer gewöhnlichen Traurigkeit oder Trübsal hat jeder seine eigene Mittel und Wege. Das kann je nach Person ein Gespräch mit einer/m Freund/in, Hören von Lieblingsmusik, Anschauen eines guten Films oder ein kurzer Trip durch die Stadt sein. Im Fall einer Depression wirken diese Mittel jedoch nicht. Sie helfen nicht, da bei einer Depression Traurigkeit und Trübsinn so stark ausgeprägt sind, dass das Empfinden von Freude schwer fällt. „Nichts erfreut mich” – wenn solche Gedanken entstehen, sollten wir aufmerksam werden. Außerdem, falls eine Abneigung gegenüber sich selbst , gegenüber den anderen oder gegenüber den Aktivitäten in den meisten Lebensbereichen spürbar wird, oder aber Schlafprobleme, Müdigkeitsempfinden oder Konzentrationsprobleme auftreten – man sollte nicht damit zögern, den Kontakt mit einem Facharzt für Psychiatrie oder mit einem Psychotherapeuten aufzunehmen, insbesondere wenn die Beschwerden länger als 2 Wochen andauern und täglich auftreten.

Manchmal zeigen sich die Beschwerden weniger offensichtlich und Depression kann eine

„maskierte” oder „versteckte” Form annehmen. In dem Fall können Monate oder sogar Jahre vergehen, während deren wir bei den Allgemeinärzten oder andern Fachärzten nach den Ursachen des schlechten Wohnbefindens suchen, bevor wir endlich auf den richtigen Spezialisten treffen. Depression ist aber heilbar. Je schneller beginnen wir mit einer pharmakologischen Lösung oder einer Psychotherapie, desto schneller „finden wir uns selbst wieder zurück” und unsere Lebensfreude. Unabhängig davon wie schlecht wir uns fühlen und wie sehr wir daran glauben, dass sich der Zustand ändern kann, es lohnt sich auf jeden Fall eine Unterstützung zu suchen. Eine professionelle Unterstützung, gepaart mit unserem Engagement für den Heilungsprozess bringt meistens bereits nach 3-6 Monaten erste positive Effekte.

Wird Depression durch Migration zusätzlich gefördert?

Migration bedeutet eine große Veränderung im Leben. Die Folgen der Migration können aber erst im Laufe der Zeit wahrgenommen werden. Die Adaptation an eine neue Kultur erfolgt in bestimmten Phasen und ihr Beginn ist für alle schwer. Nicht ohne Grund wird dieses Phänomen durch die Forscher das „Kulturschock“ genannt. Es ist verbunden mit Stress und mit der Notwendigkeit, mit den Frustrationen, Enttäuschungen und Niederlagen umzugehen. Wie wir damit umgehen, hängt von unserer Anpassungsfähigkeit, individueller Flexibilität wie auch von der Fähigkeit, Unterstützung durch andere Menschen anzunehmen und zu nutzen ab.

Der nächste „schwächende” Faktor ist eine Identitätskrise, d.h. die Notwendigkeit der Neudefinition von sich selbst im hier und jetzt, in einem neuen Land, einer neuen Sprache, einer neuen Kultur, inmitten der neuen Menschen. Es ist sicherlich etwas, was eine mentale und emotionale Anstrengung erfordert. Die Erfahrungen von Migrant/innen sowie einige Untersuchungen zeigen, dass in der Mehrheit der Fälle Menschen diese Herausforderungen gut meistern und neues Leben gut gestalten. Was indirekt Depression begünstigen kann, ist aber eine geringe Zufriedenheit mit der Art und Weise, wie die Anpassung geschieht. Wichtige Ursache mangelnder Selbstzufriedenheit, die wiederholt in Untersuchungen und Therapiesitzungen genannt wird, ist die Tätigkeit unter dem Qualifikationsniveau, welche den Menschen in ihrer gesellschaftlichen Stellung um einige Stufen herabsetzt. Es ist in dieser Situation oft nicht leicht, eine positive Denkweise über sich selbst sowie ein gesundes Selbstwertgefühl beizubehalten und Selbstsicherheit auszustrahlen. Eine weitere Ursache der Enttäuschung kann die Sprachbarriere und die daraus resultierenden alltäglichen Kommunikationsprobleme sein. Als die dritte wichtige Ursache für die migrationsbedingte Depression kann das insgesamt erhöhte Stressniveau genannt werden, das mit den Veränderungen von Lebensbedingungen einhergeht.

Wie kann man einem nahstehenden Menschen in der Depression unterstützen und begleiten?

Zunächst muss verstanden werden, was diese Krankheit genau bedeutet, was sind ihre Symptome, wie sie den Menschen beeinflussen und verändern können. Man soll sich nicht wundern, wenn eine logische Argumentation keine Resultate bringt. Eine an Depression erkrankte Person nimmt die Welt, sich selbst und das Gegenüber anders wahr. Du kannst das Gefühl haben, dass die nahe stehende Person sich verändert hat, seine Belastbarkeit, Motivation, Kommunikationsart, Reaktionen und Tagesrhythmus völlig anders sind. Und das stimmt. Eine physische Erschöpfung ist weder Faulheit noch mangelnder Verantwortungsbewusstsein. Es ist real und deshalb ist es für die erkrankte Person z.B. schwer morgens aufzustehen. Die Tröstung und Mobilisierung mit den Sätzen wie „Reis dich zusammen” „Es geht von alleine vorbei”, „Mache dir keine Sorgen” „Lächele” ist nicht ratsam und bringt eher das gegenteilige Effekt. Denn auf diese Weise entsteht eine emotionale Mauer und das Gefühl der Entfremdung nimmt noch mehr zu. Was kann man da also machen?

1. Der Wahrheit in die Augen schauen

So tun, als wäre nichts bringt gar nichts. Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit, die behandelt werden muss und der Genesungsweg und Verbesserung des Wohlbefindens kann dauern. Dennoch ist Depression heilbar und es ist wichtig sich daran zu erinnern, dass dieser Weg auch ein Ende hat. Es ist wichtig, dass sich alle Familienmitglieder der Beschwerden und Unwohlsein des Angehörigen bewusst werden. Insbesondere die Kinder tendieren in solchen unklaren Situationen, sich selbst Schuld zuzuweisen. Es ist besser, die Kinder um die Erkrankung der Mutter oder des Vaters wissen zu lassen, anstelle dass się sich selbst diese Schuld zuschreiben.

2. Unterstützung bei der Kontaktaufnahme mit einem/r Spezialisten/in und Inanspruchnahme einer Therapie

Die Unterstützung eines an Depression erkrankten Menschen kann sehr erschöpfend sein und wird allein keine Genesung bewirken. Unabhängig davon, wie wohlgemeint die Intention und wie stark die Hingabe eines Angehörigen ist, es kann die Konsultation bei einem Facharzt für Psychiatrie bzw. Psychotherapie nicht ersetzen. Eine weise Hilfe bedeutet, sich einen Überblick über die Verfügbarkeit von Spezialisten zu verschaffen und eventuelle Wutanfälle von Seite des Angehörigen hinzunehmen, dem der Vorschlag des Arztbesuchens nicht gleich gefallen muss. Für viele Menschen ist Inanspruchnahme von Spezialisten für psychische Gesundheit mit Scham und Gefühl der Schwäche verbunden. In der Wirklichkeit ist gerade anders rum, es deutet auf einen reifen Umgang mit sich selbst und den Problemen hin. Du kannst sagen: „Ich mache mir Sorgen um dich. Ich sehe, dass du dich immer schlechter fühlst. Ich würde mir wünschen, dass du mit einem Arzt sprichst, damit er dir hilft, wieder gesund zu werden.”

3. Motivieren gemäß den Möglichkeiten, Verfügbarkeit und Geduld

Einen Menschen im Rahmen der Möglichkeiten zu motivieren bedeutet vor allen das Zeigen von Verständnis. Dies kann über das aufmerksame Zuhören oder durch das Benennen von Beispielen bekannter Menschen, die öffentlich über eigene Depression sowie deren Genesungsweg erzählt haben, geschehen. Hilfreich sind auch fördernde Botschaften, z.B. anstelle „Reis dich zusammen” lieber „Ich sehe, dass es dir schwer fällt, sich zu mobilisieren”, oder anstelle „Du muss dich bewegen” viel bessere Wirkung zeigt die Botschaft:„Lass uns kurz spazieren gehen, ich komme gern mit”. Verständnis, Unterstützung und Nähe kann auch über den Lob oder die Freude über Aktivitäten, auch die kleinsten Aktivitäten, zeigen. Z.B. „Ich freue mich, dass du heute aufgestanden bist und mir bei der Vorbereitung des Mittagsessen geholfen hast” oder „Toll, dass wir uns den Filme gemeinsam anschauen konnten, ich freue mich.”

4. Sofortige Intervention bei der Gefährdung des Lebens

Wenn der nahstehende Mensch Suizidgedanken oder -tendenzen zeigt, wenn er erschöpft ist oder gar Suizidversuch unternommen hat, ist sofortige ärztliche Hilfe notwendig. Auch dann, wenn der Erkrankte aggressiv wird, die Medikamenteneinnahme verweigert und sich sein Zustand wesentlich verschlechtert. Dieser Zustand erfordert unbedingt umgehende fachärztliche psychiatrische Betreuung.

5. Vergesse dich selbst nicht

Unterstützung und Begleitung eines an der Depression leidenden Menschen führt dazu, dass unsere gesamte Aufmerksamkeit und Gedanken um die erkrankte Person und um die Suche nach den Hilfemöglichkeiten kreisen. In dieser Situation passiert es leicht, dass man dabei sich selbst vergisst. Das kann dann aber zur Erschöpfung und wachsenden Frustration und dem Gefühl der wahrgenommenen Ungerechtigkeit führen zumal die gesamte Verantwortung auf einem selbst lastet. Es treten Schuld- und Ohnmachtsgefühle ein. Es kann dann leicht passieren, dass es zum Ungleichgewicht zwischen dem Helfen und Übernahme der Verantwortung für die kranke Person auf der einen und Sorge für das eigene Leben und eigenen Bedürfnisse auf der anderen Seite kommt. Es ist sicherlich sehr wichtig, sich an der ersten Stelle um die erkrankte Person zu kümmern. Und es ist wirklich so, dass die nahe Person die Hilfe benötigt, doch sich über eigene Belastungs- und Erschöpfungsgrenzen hinaus zu herausgaben, hilft keinem. Es ist also genauso wichtig, an sich selbst und an die Zeit zum regenerieren zu denken und beim Bedarf weitere Personen zu Hilfe nehmen.

Psychotherapie und Antidepressiva

Im Fall einer gemäßigten oder schweren Depression ist eine Kombination aus Psychotherapie und Pharmakologie eine optimale Lösung. Antidepressiva wählt der Facharzt für Psychiatrie und diese Wahl ist von der Stärke der Symptome, dem gesundheitlichen Zustand, der Krankheitsgeschichte sowie der aktuellen Einnahme anderer Medikamente abhängig. Der klinische Effekt der pharmakologischen Therapie d.h. die Veränderungen im Allgemeinbefinden umfassen: Linderung der Angstzustände, Verbesserung des Appetits und der Schlafqualität, Anregung zum Handeln. Antidepressiva wirken dabei anders als ein Kopfschmerzmittel. Der Effekt wird erst nach 2-4 Wochen spürbar. Sehr wichtig ist danach der Prozess des Absetzens des Medikaments. Dies soll nicht von einem auf den anderen Tag geschehen, denn damit ist die Gefahr der erneuten Verschlechterung des Allgemeinbefindens verbunden. Die Absicht der Beendigung von Pharmakologischen Therapie soll unbedingt mit dem betreuenden Facharzt besprochen werden.

Antidepressiva sind jedoch keine „Glücks-Pille“ oder ein Allheilmittel. Sie heilen nicht die Emotionen, persönliche Erfahrungen, sie korrigieren nicht unsere negativen Denkmuster, sie bringen keine Harmonie in das Eheleben oder Erfüllung ins Berufsleben. Hierzu ist eine Psychotherapie nötig. Dank einer Psychotherapie ist es möglich, sich in eine neue, strukturierte Weise anzuschauen, eigene Funktionsmechanismen kennenzulernen sowie Schemata erkennen, die das eigene Verhalten steuern. Einige dieser Mechanismen, die unser Verhalten und Entscheidungen determinieren, sind uns nicht dienlich. Ein Psychologe mit entsprechender mehrjähriger Weiterbildung zum Psychotherapeuten ist berechtigt und verfügt über die Kompetenzen, um eine Psychotherapie durchzuführen.

Autorin:

Honorata Moliter

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